meise & meise epd Medien, Heft 92 vom 21.11.09 Tagebuch Futur 3.0 Erinnerungskult und Zukunftssucht in den Medien Früher war es Perfekt: Ich erhielt Verlagsvorschauen, pickte mir lecker Korinthen raus und rezensierte, was bereits geschrieben war. Hatte ich es eilig, arbeitete ich mich durch Manuskriptfahnen. Doch seit paar Jahren klappt da was nicht mehr mit meiner Korinthenpickerei. Nein, leider!, die neue Standard-Antwort. Oder, Schon vergeben, und, Sorry, gar kein Platz mehr. Kein Platz? Für das Programm aus der gerade frisch ins Haus geflatterten – und schnell durchgesehenen – Frühjahrsvorschau? Pickte ich mir eben Verlage raus, von denen noch niemand was gehört hatte – da ging noch was. Gleichzeitig begann der Aufhänger- und Jubiläumsüberdruss: Sieh mal, sie schreiben über Freud – Ach. Der oder eine seiner Ideen hat sicher Geburtstag, wird 100, oder ist 100 Jahre tot. Name, Zahl, Anlass austauschbar – aber ein Muss. Predigt einem jeder Redakteur: Ganz nett Ihr Thema, aber wo ist der aktuelle Bezug? Dabei stehen sie sich alle gegenseitig auf den Füßen mit ihren 20er, 50er oder 100er-Feiern. In Zeiten immer größerer Orientierungslosigkeit ist Erinnern Kult geworden, Wettbewerb sowieso. Das Ellnbogengedrängel am Medienkalender hat die Zeitpunkte unscharf werden lassen. Jubiläen wurden erst ein, dann zwei Monate, jetzt schon mal ein Jahr und mehr vorgefeiert: Erster! Manchen Verlag grämts. Darwins Geburtstag im Februar war schon im Dezember des Vorjahres verwurstet. Wer wollte dann noch Bücher dazu haben? Auch, dass Dominosteine und Zimtsterne vorsorglich schon ab Ende August ans Lichterfest vorinnern sind Hänger von vorgestern. Zukunftsforschung dagegen hat, wissenschaftsgläubig und anlasshörig wie wir sind, richtig Potenzial. Da geht’s nicht nur um die eine, gute alte, nein um die vielen, schillernden Zukünfte. Aber zurück zu meinem Korinthenteller. Diesmal wollte ich vorpreschen. Por Favor, Herr Redaktor: Wie hätten Sie’s denn gern? Bestellen Sie sich die Vorvorschauen, dann sehen wir weiter. Vor-vor? Mit dieser Vor- 14 Verlage angeschrieben und tatsächlich: Exceldateien, Tabellen, Listen en masse in meiner Mailbox. Die künftige Bücherkunft! Mit oder ohne Bilder, mit oder ohne Info. Den Vogel schoss ein Frankfurter Haus ab mit dem Buch „Zukunftsmacher“. Drin – das darf ich vorraten, denn das Buch gibt’s ja schon, wurde nur übersetzt – plaudern „die Nobelpreisträger der Zukunft“ aus dem Nähkästchen. Ich zitiere schon mal aus einer Vor-Rezension: „Jeder einzelne Essay liefert bemerkenswerte Anregungen, doch zusammen bieten sie ein dialogisches Mosaik dessen, was Menschsein in Zukunft für uns bedeuten wird.“ Die Vorangaben entstammen der gehefteten, schwarz-weißen Vorvorschau. Ausgebufft. Da werde ich doch nächstes Jahr die Vor-Vorvorschau bestellen und endlich die Vorallererste sein. Am Kiosk geht’s auch so zu. Dort wird Ende November schon die ein oder andere Januarausgabe in die Regale gepackt. Springer produziert in diesem Jahr für sein 40 Jahre altes Eltern-Magazin zum ersten Mal ein 13. Heft. Das nenne ich aktiv die Zukunft gestalten. Bin gespannt, wie die den Monat nennen. Endlich weg mit dem Hinterhergeheule. Nur die aktive Vorausschau wird die Orientierungslosigkeit blenden. Den 13. Monat, die siebte Zeit erfunden. Voraus, vorvoraus, Futur 3.0. S.M.