taz-Porträt, 30. Juni 2003Sicher mal sicher: Zehn Jahre Abschiebung vor Asylvon Sylvia MeiseKarg ist es bei Flüchtlingspfarrer Friedrich Vetter, auchwenn er leckeren Kuchen serviert. Viel freie Fläche,wenig dekorativer Schnickschnack. Eben einMännerhaushalt, könnte man sagen, denn VettersSohn, 27 und Meteorologiestudent wohnt auch hier –aber, das trifft es nicht. Die Kargheit ist nichtnachlässig, eher ein Ausdruck protestantischerGeradlinigkeit. Diese Geradlinigkeit begleitet Seelsorger Vetter, 60,jeden tag von seiner Wohnung in einem MainzerVorort aus nach Ingelheim in die„Gewahrsamseinrichtung für Ausreisepflichtige“ – kurzGfA oder Abschiebeknast. Dort hat er auch ein Büround beim Anblick der Zellen mit klinikgrünemFußboden und anstaltsgrauem Mobiliar erkennt manleicht den Unterschied zwischen Kargheit undLieblosigkeit. Hier strömt Vetters Gesprächsraumgeradezu anheimelnde Atmosphäre aus. Und sei esnur wegen der Kerze auf dem Tisch und demRosenklebebild am Fenster. Dass hier abgehört wird,glaubt er nicht.Sein Gefühl für Atmosphäre hilft auch bei der Ausländerbehörde. Als Vermittler ist er diplomatischund unnachgiebig zugleich. Der Erfolg hänge davon ab, „ob man ein Lebensschicksal so darstellenkann. dass ein rechtlicher Weg sichtbar wird.“ In 13 Jahren Asylverfahrensberatung hat er vielErfahrung gesammelt. Vor Änderung des Grundgesetzes, sei es „einfacher gewesen, etwas für dieFlüchtlinge zu erreichen“. Der drastische Rückgang der Flüchtlingszahlen spricht für sich. Der Anwalt und BeraterFrüher bearbeiten die Behörden zuerst den Asylantrag, jetzt recherchieren sie erst, woher derFlüchtling kommt, damit man ihn möglichst schnell in diesen sicherlich sicheren Drittstaatzurückschieben kann. Diese Drittstaatenregelung war der Knackpunkt der Änderung desAsylrechts – seit 1. Juli 1993 ist sie in Kraft. Schon damals urteilten Flüchtlingsinitiativen undSeelsorger wie Vetter, es sei faktisch die „Abschaffung des Asylrechts“. „Als Christ bin ich für Flüchtlinge in erster Linie Anwalt und Berater“, diesem Grundsatzentsprechend ist der Seelsorger ständig unterwegs. Sein Arbeitstag beginnt manchmal schon vorsieben, und endet nicht selten gegen elf Uhr. Gefangene besuchen, beider Ausländerbehördevorsprechen, sich mit Flüchtlingsräten und Arbeitskreisen treffen. Gerade war er zudem eineWoche mit Gefängnisseelsorgern in Frankreich: Über den Tellerrand gucken, „damit man keinFachidiot wird.“ Und nebenbei rauskriegen, wie es die Franzosen mit der Abschiebehaft halten.„Der rote Faden in meinem Leben? Menschen in Not helfen und mit ihnen eineZukunftsperspektive entwickeln.“ Vetter wirft einen Blick aus dem Terrassenfenster: graueSteinplatten, ein wenig trockene Rosenkübel, dazwischen Schnittlauch. Der ist frisch gestutzt,damit er nicht überhand nimmt, aber nur ein bisschen, denn „man soll nichts ausrotten, was manvielleicht noch mal gebrauchen kann“. Vom Umgang mit Flüchtlingen kann der hagere Mann mit dem weichen, aber bestimmtenHändedruck viel erzählen. Daher laden ihn Schulen oder Konfirmandengruppen regelmäßig ein.Zu solchen Terminen bittet er Flüchtlinge mitzukommen. „Wenn die selber erzählen, geht es denZuhörern viel eher unter die Haut, als wenn ich über sie rede“. Wenn Vetter gar nicht anFlüchtlinge denken will, steht er wahrscheinlich auf Skiern. Energie tanken. Mit Sohn, allein oderin einer Gruppe, wenn möglich dreimal im Jahr.Wohin auch immer, das kleine rote Auto ist ständig on Tour, jetzt wieder Ingelheim, Vetter parktein und blickt nach oben. Gut fünf Meter hoch ist die Betonwand, die den Blick auf eines der bestgesicherten Gefängnisse Deutschlands verstellt. Wer ihn zu diesem Arbeitsplatz begleitet, etwa ein Dolmetscher oder Besucher, muss seinen Passabgeben. Auch Handy und Bauchtasche müssen draußen bleiben. Ein Hochsicherheitstrakt,dessen Herz ein Computer ist. Die zentrale Schalteinheit wacht über Öffnen und Schließen derTüren, ihre digitalen Augen zoomen durch die Gänge. Ob im Verwaltungs- oder Haftgebäude: alle,die herumlaufen dürfen, müssen ständig Personenschleusen passieren – das sind zwei Türen, vondenen sich die zweite erst öffnet, wenn die erste schon wieder zu ist und man drinnen in der Fallesitzt. Begleitet von einem Wachmann gelangt man mit Pfarrer Vetter zum Chef. AnstaltsleiterKlaus-Rudolf Hütter sieht aus seinem Fenster ein Fetzchen Himmel und Stacheldraht. Bei Gesprächen in seinem Zimmer versinkt man in rotem Leder. Er ist stolz auf die Technik,„theoretisch kommt hier niemand raus“. Den Häftlingen würden viele Angebote gemacht, damitsie ihren Frust abbauen könnten: Tischtennis, Fußball und Krafttraining, Gespräche oder Projektebeim sozialen Dienst. Während Hütters Rede bleibt Vetters Gesicht unbewegt. Die beiden kennensich aus vielen Gesprächen, man setzt üblicherweise auf Kooperation. Aber in Punkten, bei denender Pfarrer eine andere Meinung hat, fetzt es auch. Etwa beim Einschließen der Häftlinge,trotzdem alles x-fach abgesichert ist. Über 20 Stunden würden sie in die Zellen gesperrt, moniertder Seelsorger. Stimmt nicht, kontert die Anstaltsleitung, die Mienen verhärten sich, der Ton wirdrau. Das kann Vetter aushalten, er weiß schon, was unbeliebt ist. Seine Argumente passen nichtzum eingefahrenen Sicherheitsdenken der Landesbediensteten. Ihre nicht zu seiner Vorstellungeines freien Christenmenschen. „Die Leute fühlen sich behandelt wie Schwerverbrecher, das macht sie aggressiv.“Selbstverletzungen, Beschimpfung des Personals und auch Schlägereien seien die Folge. Würdeman die Türen öffnen, würde sich auch die Aggression mindern. Mit Mühe lächelt mannachsichtig. Der Herr Pfarrer ist ja nicht für die Sicherheit verantwortlich. Das Wegschließen seiein Muss, finden die Hardliner. Und das, obwohl ein halbes Jahr lang in Ingelheim die Türen zumTest offen waren und nichts passierte. Auch Öffentlichkeitsarbeit gehört zu Vetters Job, dabei versucht er immer „dem Flüchtling einGesicht zu geben“. Damit es nicht mehr nur der namenlose dunkelhäutige Fremde ist, sondern dieRaja oder der Witali von nebenan, die eine Geschichte haben. Zum Beispiel Perica. Der staatenlosen Zigeuner ist 31 und sitzt seit einer Woche in Ingelheim.Seine Eltern sind jugoslawische Roma, geboren wurde er in Österreich. In Jugoslawien bekam erkeinen Pass und in Österreich auch nicht. Nun hat er in Deutschland Asylantrag gestellt. Mitseiner Frau, die er mangels Papieren nicht hat heiraten dürfen, hat er sechs Kinder. Diegehbehinderte Mutter hat Bleiberecht in Deutschland, die Frau soll mit den Kindern nachJugoslawien abgeschoben werden, er nach Österreich. „Das sind Fälle, wo ich Bauchweh kriege,wenn man Familien auseinanderreißt.“ Sagt Vetter grimmig und schreibt sich die dürftigenHinweise auf, vielleicht kann man doch noch etwas erreichen. Morgen wird er dasInnenministerium in Österreich nerven. Und bei der Caritas in Wien herumfragen. Inzwischenversucht er Perica das Gefühl zu geben: Bleib ganz ruhig, jemand kümmert sich um dich.Nicht wenige nämlich bekommen ob der nutzlosvertanen Zeit und der Trennung von ihren Familieneinen regelrechten Zellenkoller. „Unglaublich,“ sagtVetter, „was die für Kräfte entwickeln“. Am Ende seidie ganze Vierzehnquadratmeterzelle verwüstet,Tisch, Fernseher und Stühle zertrümmert, sogar „diedicken Stahlstangen vorm Fenster verbogen“. Solche„Tobsuchtsanfälle“, wie Anstaltsleiter Hütter dasnennt, werden natürlich bestraft. Die Verzweifeltenkommen in eine „Separationszelle“, die nur eineMatratze enthält.Wenn Vetter von seiner Arbeit spricht, sagt er immer„wir“. Es sei die Zusammenarbeit mit denAsylarbeitskreisen aus der Region, in der er seineBestätigung, seinen Austausch und seinen Rückhaltfinde. „Allein wäre ich oft auf ganz schön verlorenemPosten und – wahrscheinlich depressiv.“ Was ein Flüchtlingsseelsorger braucht? Gute Freunde,die mit einem kämpfen, Rückhalt in der Kirche und inden Gemeinden – die mal eine Kollekte übergebenoder eine Unterschriftenliste herumgehen lassen –und viel Geduld. Wenn er zaubern könnte, würdePfarrer Vetter dafür sorgen, „dass wir keinen in einenFolterkeller zurückschicken“.