Frankfurter Rundschau, Wirtschaftsporträt, 26. November 2004Der MeistermischerWolfgang Moersch, Fotochemie-Experte, liebt die Arbeit in der Dunkelkammerund widersetzt sich dem Digital-TrendVon Sylvia MeiseWer das digitale Beben überleben will, muss kooperieren – auch mit der Konkurrenz. Das hat derFotochemie-Experte Wolfgang Moersch schon vor zehn Jahren begriffen. Damals gehörte er bereits zuden besten „Masterprintern“ Deutschlands und entschied sich bewusst gegen den Digital-Trend. Erführte sein 1992 gegründetes „Fine Art“-Labor in Hürth bei Köln nicht nur weiter, sondern baute eskontinuierlich aus. Bis 2000 lieferte er Vergrößerungen – Prints – für Fotografen, Museen und Galerien, dann kam dieMasterchemie dazu: Die selbst ausgetüftelten Rezepturen für fein abgestimmte Fotopapierentwicklerwaren marktreif, ebenso der Plan, Produktion und Versand von Fotochemie zu betreiben. Fehlten nurnoch die Produktionspartner – „ich konnte ja nicht alles selber machen“ –, also führte er Gesprächeund staunte nicht schlecht: Calbe, Agfas Ostschwester, war noch schwer von der Wendeangeschlagen und bot sich seinerseits zum Kauf, der nächste Gesprächspartner lehnte die Produktionganz ab, bot Moersch aber Einkaufsrabatt für die Überlassung seiner Rezepturen. Damals fand er dasnicht witzig. Heute hat er ein ganzes Netz von Produktionspartnern, darunter auch Calbe.Es folgten Papiere und Toner – mittlerweile bieten er und seine Frau Andrea Bömelburg die ganzeDunkelkammerpalette. „Wir sind langsam gewachsen und das ist auch gut so“, sagt sie, sonst wäreder kontinuierliche Zuwachs an Kunden gar nicht zu bewältigen gewesen. Angestellte? Moerschsstruppige Augenbrauen stehen auf Sturm: „Das haben wir einmal probiert“, doch der Exmitarbeiterbefüllte einen leeren Vorratsbehälter mit der falschen Chemikalie. Damit war er den Job los. Denn nurwenn die Qualität stimmt, dürfen die Preise hoch sein. Alles andere bedeutet Kundenverlust, aufeinem schrumpfenden Markt: Kodak stellt zum Jahresende die Herstellung von Kleinbildkameras ein,Agfa lagert den analogen Fotobereich komplett aus und Ilford meldete vor kurzem Insolvenz. AnalogeProdukte sind fast nicht mehr zu kriegen, denn für die Großen der Fotoindustrie lohnt es sich nicht,derart kleine Chargen zu produzieren. Und auch für die „Kleinen“ lohnt es nur, wenn sie wirklich gutsind – wie Moersch. An diesem Punkt allerdings wird die digitale Technik unverzichtbar, kundigeAmateure und ambitionierte Profis ordern ihre Fotochemie weltweit im Internet. Auch der Kölner hatsein Händlernetz und misst den Anwendern auch regelmäßig online den Puls. „Ich mach keineWerbung.“Braucht er auch nicht, die Fotocommunity kaut in den einschlägigen Foren sowieso alles durch unddie Auswertung seiner Techniksites zeigt ihm, was gefragt ist. Spätestens nach einem Jahr sei einneues Produkt angenommen. „Das ist hart, mit viel Arbeit verbunden, aber stabil“ – da gibt’s nichtszu jammern, findet der Meistermischer.Zumal er das Glück hat, Neigung und Broterwerb verknüpfen zu können. Arbeiten in derDunkelkammer heißt für die meisten: Gestank, rissige Hände, trübes Licht – kurz: ein lästiges Muss.Kaum ein Profi in Journalismus oder Werbung verfügt noch über einen solchen Raum, geschweige dendas Wissen dafür. Nicht so der „Dunkelkammerdruide“, wie ihn der Fachhändler Monochrom inseinem Katalog nennt. Dieses Zentrum seiner Arbeit sucht er auf, wenn er nachts nicht schlafenkann. Hier werden Pulver gemischt, Entwickler und Papiere getestet. Alles nur, um Negativen dasbestmögliche Ergebnis abzuringen. Dafür braucht man mehr als Grundlagenkenntnisse in Chemie. Wer weiß schon, dass echtes Fotopapier, also nicht die Plastikvariante, von Tschernobyl ebensobetroffen war wie von BSE? Die beste Qualität bei „Barytpapier“, wie Moersch es bis vor kurzem inUngarn herstellen ließ, erreicht man mit skandinavischen Hölzern. Nach dem Reaktorunfall nichtmehr. Auf dieses Papier werden hochsensible Emulsionen aufgetragen, die auf Gelatine basieren.Deren Herstellung wiederum brach mit dem BSE-Skandal zusammen. Kodak soll deswegen eigeneHerden in Argentinien stehen haben. Weltweit gibt es nur etwa zehn Fabriken, die Fotopapiereherstellen. „Seine“ ist gerade pleite gegangen. Der aubergine-farbene, lederne Drehstuhl ächzt undMoersch schaut aus dem Fenster ins Grün seines Gartens. Zwar gibt es einen geheimen Notplan inSachen Papier, doch er hofft, dass die Ungarn wieder auf die Beine kommen. Leider kann er denBetrieb nicht selber kaufen, also setzt er auf die Weitsicht des Insolvenzverwalters – und derEmulsionärin. Die knapp 70-Jährige sei „der wichtigste Mann“ in diesem Betrieb. Selbst wenn sie ihrKnow-how weitergibt, ihre Erfahrung ist unersetzlich.Know-how und Hingabe sind die roten Fäden, die sich durchs Geschäft der beiden Kölner ziehen.Sinnliche Welten trennen den Digital- vom Edeldruck, vergleichbar vielleicht mit dem Unterschiedzwischen einer Filterzigarette light und einer echten, gut temperierten Havanna – Moerschs Bildersind mit ebenso viel Handarbeit verbunden, nur haltbarer. Besonders lang, wenn es Platindrucke sind.Wie dieses Bild von einem Schwarzwälder Wasserfall, das er auf den hölzernen Arbeitstisch legt.Etwas Erhabenes geht davon aus. Ganz zu schweigen von der geradezu hörbaren Präsenz desabgebildeten Wassers. Der Meister grinst durch seinen Hängeschnauzer, „das da ist ein super Papier,das kann tausend Jahre halten“. Platin eben. Moersch legt einen Schwarz-Weiß-Abzug daneben undwartet. Der Unterschied macht frappierend klar, weshalb man solche Bilder im Original sehen muss.Natürlich liege ein Reiz darin, Langlebiges zu schaffen, aber ob 400 Jahre oder 50 – wen kümmertdas? Interessanter sei, dass analoge Negative den digitalen Dateien einiges voraus hätten: „Dass ichnoch die Negative meines Großvaters printen kann, finde ich schön – ob man aber in hundert Jahrennoch die aktuellen Dateien lesen kann?“Für den Erhalt des Familienbetriebs muss Moersch vorausdenken. Für die Zukunft hat er sichdeswegen die Erweiterung des Vertriebs in Richtung USA vorgenommen und gerade eben die letzteumfangreiche Neuerung abgeschlossen: die ökologische Dunkelkammer. Die EU wird die Verordnungbald fertig haben, dann darf es krebserregende Substanzen wie Hydrochinon in Entwicklern nichtmehr geben. Die Großen der Fotoindustrie aber steckten kein Geld mehr in die Forschung, „dienehmen das einfach vom Markt“. Dann aber könnte er auch einpacken, also hat er die Produktpaletteentsprechend den zu erwartenden Normen giftfrei ausgeweitet. In Innovationsphasen, wenn er überFormeln grübelt und Mischungen testet, hält seine Frau den Betrieb aufrecht: Bestellungenabarbeiten, Päckchen schnüren, Rechnungen schreiben und schließlich die Nachfragen der Anwenderweitergeben. Eigentlich schon ein Fulltimejob, aber mittags kommen die Kinder nach Hause – sieben,neun und zwölf Jahre alt. „Dann ist hier schwer was los“, lacht Bömelburg, sie hat ihre Familie imGriff. „Hier gibt es geschlossene Mahlzeiten“, am Frühstücks- wie Mittagstisch sitzen alle gemeinsam,„da besteh ich drauf“ – sonst wüchsen die Kinder ja ganz vaterlos auf. „Wir haben nie genug Zeit“,Moersch sagt das ganz munter, strubbelt sich durch den Grauschopf und gibt zu: „Ihr Job isteigentlich, mir das meiste von Hals zu halten.“