ver.di Publik, Mai 2006WahlverwandtschaftenIn der Darmstädter Genossenschaft „Wohnsinn“ leben alle miteinander – vom Busfahrer bis zurPsychotherapeutin, vom Kleinkind bis zum Rentner. Günstig ist die Lebensgemeinschaft; in der jederseine Wohnung hat. Wie so etwas funktioniert? Reden, reden, reden. Und viel mit anpacken.„Wohnen vorher war wie Knast – niemand im Haus, zu dem wir einen Bezug hatten“, bringt HeikeMeissner an ihre Zeit als ihre Mieterin. Dann kam „Wohnsinn“. Nach einem tiefen Schluck Kaffee erzähltdie Alleinerziehende, wie ein Infoabend über das Wohngenossenschaftsprojekt an der DarmstädterUniversität vor zwei Jahren alles änderte. Heike Meissner dachte an ihre beiden Söhne, für die es in derNähe des Wohnblocks weder Spielmöglichkeiten noch Nachbarskinder zum Verabreden gab, überlegte,wie viele Nähe sie wohl würde ertragen können und trug sich in die Warteliste ein.Heute blinzelt ihr Vierzehnjähriger zufrieden „Wir hatten Glück.“ Sein sechs Jahre jüngerer Bruder istim Haus unterwegs. Seit dem Einzug in eine der dreizehn Sozialwohnungen des Passiv-Energie-Hauseshat die Familie viel nachbarschaftliche Nähe erlebt – mit gemischten Gefühlen, wie man der Mutteranmerkt. Die taffe Mitvierzigerin formuliert sparsam. Wohl ein Relikt des anfänglichen Bedürfnisses, esallen recht machen zu wollen. Beim Thema Carsharing aber taut Heike Meissner auf, ein eigenes Autokönnte sie sich nicht leisten. Was für sie so toll ist, wäre für ihre Schwester undenkbar, sie musslachen: „um Gottes willen – da würden ja fremde Leute ihr Auto benutzen“. Pascal war sofort für den Umzug:„Viele Leute in meinem Alter.“ Siesind zu fünft und treffen sich imJugendraum. Freunde von Freundenhaben dort für einen Kasten BierGraffiti gesprüht und Nachbar Sport-lehrer ein gebrauchtes Fitness-übungsgerät besorgt. Auch einfunkelneuer Tischkicker steht da, denmüssen die Jungs und Mädchen nochabzahlen. Als „Arbeitsgruppe Jugend“dürfen sie den Raum nicht nur ge-stalten, sondern auch verwalten. „MitProtokoll und allem, wie die Großen“,selbstbewusst streicht Pascal diedunkelblonden Locken zur Seite. Auch die Großen haben sich beimEinzug zum Anpacken verpflichtet.Herzstück des Projekts sind dieGemeinschaftsräume, die ein Zehntel der 3300 Quadratmeter Wohnfläche ausmachen und von allenmitbezahlt werden. Die Wohnungen sind dennoch günstig, weil die Stadt Pächter bleibt und für die 26Quasi-Eigentumswohnungen Dauerwohnrecht garantiert. In Euro: 1700 Euro (plus monatlicheErbpacht) je Quadratmeter; Kaltmiete für die Sozialwohnungen: 4,50 Euro je Quadratmeter. Darinenthalten sind außer dem Jugendraum: Büro, Gästeappartement und -zimmer sowie, ganz wichtig, derMultifunktionsraum, kurz „Mufu“. Der Mehrzweckraum wird auch von anderen Initiativen genutzt, wasGeld in die Gemeinschaftskasse bringt. Hauptsächlich aber tagen dort die ArbeitsgruppenHausverwaltung, Hauserhaltung, Außenanlagen, Gemeinschaftsräume oder Soziales. Alle vierzehn Tagewird der Mufu zur Eckkneipe der Wohnsinnler, dort hängen sie ab, kochen und klönen. Kommunikationund Verbindlichkeit braucht es hier – sonst wäre das Hohelied der Gemeinschaft wohl nicht zu singen.Dazu das Schrauben an den Fahrradhäuschen, Streichen der Treppenhäuser, Putzen derGemeinschaftsräume... Es hat ein wenig von einem Dorf in der StadtSo bunt wie die Bewohnerschaft istauch das Haus. Schon von weitemleuchtet die Fassade in rot, blau, gelb.Obenauf ein Holzhäuschen, das andänische Sommer erinnert, sich aberganz profan als Heim des Aufzugs ent-puppt – auch die behindertenBewohner sollen die Dachterrassegenießen können . Auf dem Weg vomMufu quer durchs Haus fällt dasschwarze Brett ins Auge: Pläne,Sitzungstermine, Presseausschnitteund „Wer hat Lust zu...?-Zettelhängen kreuz und quer – fast wie ineiner Mensa. Weiter in den Gängensieht es genauso quirlig aus – Schuhe,pflanzen (frische wie vergilbte je nachBesitzers grünem Daumen), Roller,Skateboards und Kinderwagen stehenherum.Eine echte Genossenschaft brauchtnatürlich auch Vorstand und Auf-sichtsrat. „Wer politisch orientiert ist,hat ruckzuck einen vollen Termin-kalender“, bestätigt VorstandsfrauBirgit Diesing ungerührt. Als ersteshabe sie deswegen gelernt, „Nein“ zusagen. Direkt kontrolliert wird dabeisie von ihrem Freund Jürgen Mühlfeld,der ist nämlich im Aufsichtsrat. Diebeiden grinsen sich an – „Nee, das istkein Problem für uns“. Ihre kargmöblierte 110-Quadratmeter-Maiso-nette teilen sie mit einem Bild vonChe und einem riesigen Philo-dendron. Bevor sie Genossenschafterwurden, haben sie bei einer KasselerKommune reingeschnuppert, aber –so eng sollte Zusammenleben wiederauch nicht sein. An Wohnsinn schätzensie, dass beides möglich ist, Miteinander genauso wie Privatheit. Die Gemeinschaft im Mietshaus vorherfanden sie zwar ok, aber zu unverbindlich. „Hier wollen die Leute langfristig mehr, als nur Zimmerbewohnen“ – der 43-jährige Sozialpädagoge ist selbst auf dem Land aufgewachsen und findet,Wohnsinn ist ein „Dorf in der Stadt“. Trotzdem wird Wohnsinn von außenals eine Art Super-WG wahrge-nommen. „Ach die ist doch in soeinem ‚betreuten Wohnen’ oder?“,kriegt Regine Donnerstag regelmäßigzu hören, wenn sie von ihrerbehinderten Tochter Corinna erzählt.Die 28-Jährige wurde mit spina bifida,offenem Rücken, geboren und sitztseit der Grundschule im Rollstuhl.Nicht viele mit diesem Krankheitsbildschaffen es, allein zu wohnen. Wie siezurecht kommt? Sie setzt die Katzeauf den Boden, rollt am schwarzenLedersofa und den Leopardenor-hängen vorbei, raus auf die kleineTerrasse und wieder zurück: allesbehindertengerecht und barrierefrei:„Was besseres könnt’ es für michnicht geben.“ Reden ist ihr Ein undAlles, damit passt sie perfekt in die Gemeinschaft. Sie ist arbeitslos, deswegen darf der Paketbote beiihr die Post für die anderen abladen. „So hab ich immer Unterhaltung.“ Auch deswegen erwartet siesehnlichst den nächsten Bauschritt „Wohnsinn 2“, und damit den Einzug ihrer Freundin Silke, die wiesie im Rollstuhl sitzt. Bis 2007 sollen die beiden U-Flügel des Gebäudes verlängert und um dreißigWohnungen erweitert sein. Das wird die Nagelprobe, weiß Wohnsinns Gründervater Christoph Jetter. Denn auch die Neuen müssensich einbringen, deswegen wird der 70-Jährige seinen Vorstandssitz abgeben. Er und seine Frau HanniSkrobies haben das Wohnprojekt vor zwölf Jahren initiiert. Die beiden verströmen herzlicheGelassenheit. Man traut ihnen zu, den Überblick und kühlen Kopf zu bewahren, auch wenn sich derganze Rest-Wohnsinn in den Haaren liegen sollte. Derzeit gibt es mal wieder eine kritische Phase, vorallem bei den „Alteingesessenen“. Warum erweitern, wo gerade alles so gut läuft? Die Neuen wiederumhielten sich zurück. „Gruppendynamische Prozesse halt“, kommentiert Christoph Jetter. Wenn man imHaus herumfragt, erfährt, die beiden sind Schlüsselfiguren. Doch davon wollen sie nichts hören. So einProjekt müsse von vielen getragen sein. Vielleicht doch ein Auslaufmodell? „Gerade nicht,“ sagt HanniSkrobies und zeigt aus dem Fenster auf das Altenwohnstift schräg gegenüber: „Das ist doch dasAuslaufmodell, das wird sich die Gesellschaft irgendwann nicht mehr leisten können“. Das Paradies ist es nicht, aber stolz ist man hierSo will ich nicht leben, wie dann?, lautete die Geburtsfrage von Wohnsinn. Damals hatte der JuristChristoph Jetter gerade aus gesundheitlichen Gründen früher als geplant die IG Metall-Vorstandsverwaltung verlassen. Hanni Skrobies (62) ist erst seit kurzem in Rente. Trotzdem engagiertsich die Historikerin und ver.di-Frau weiter in einem Geschichtsprojekt. Von dieser Art Arbeit sind beideebenso geprägt, wie durch WG- und Kinderladen-Zeiten. In den Eigentümerversammlungen, ihrerletzten Wohngemeinschaft hielten sie es nicht mehr aus. Dass Wohnen auch anders geht, wussten sievon Projekten in Tübingen, Freiburg oder München. Anders als in Darmstadt hätten dort die Kommunenschnell kapiert, dass sie durchaus profitieren. Ökologische Baugemeinschaften nämlich verbrauchtenwenig Baugrund und schonten die Umwelt. „Nicht zu vergessen: der soziale Aspekt“. derGewerkschafter lässt die Augenbrauen tanzen, „Um wie viel weniger eine Gesellschaft durch Kinderbelastet wird, die unter aufmerksamen Augen aufwachsen, rechnet ein Sozialminister bestimmt schnellaus.“ Bei der Erinnerung an die kommunalpolitische Kärrnerarbeit gluckst seine Frau vor sich hin,damals fand sie’s nicht so witzig: „Was haben wir an Energie verschlissen, weil wir jedes beteiligte Amteinzeln von unserem Projekt überzeugen mussten“. Durchhaltevermögen ist alles. Nicht mal diePolitiker hatten so viel Power.Mittlerweile ist das Niedrigenergie-Baby aus dem Gröbsten raus, doch nach der ersten Euphorie hateine Phase der Ernüchterung eingesetzt. „Wir leben ja nicht im Paradies hier“, meint Jetter. Wenn eraber aufzählt, wer hier alles wohnt, ist das Stolz pur: vom kurdischen Busfahrer über den EDV-Mannbis zur Psychotherapeutin, vom Kleinkind bis zum Rentner, „das ganze gesellschaftliche Spektrum“. Sodass man sich mit Freuden ärgern kann, wenn Kinder vor der Haustür Fußball spielen. „Das ist man garnimmer gewohnt“, Hanni Skrobies’ Enkel leben am Ammersee und in Hamburg. Genau deswegen ist siehier. Genau deswegen verfolgt sie zusammen mit den anderen das Ziel generationenübergreifendenMiteinanders. Wahlverwandtschaften statt Vereinzelung.